Pfr.Thomas Dietz,                                                                                                    

17291 Schönfeld / Uckermark

Dorfstraße 60                   

 

Vortrag  auf dem 47.IALB-Arbeitskongress Potsdam 5.9.2008

“Kirchliche Projekte im ländlichen Raum Brandenburgs – Möglichkeiten und Grenzen“

 

Sehr verehrte Damen und Herren,

 

So ein wenig bin ich heute hier Fremdkörper und Zufallserscheinung zu gleich:

Fremdkörper beruflich gesehen, als Geistlicher unter Landwirten,

Zufallserscheinung, da der örtliche Schwerpunkt dieses Arbeitskongresses in den Landkreisen Prignitz und Potsdam - Mittelmark liegt. Ich komme aus einem anderen brandenburgischen Landkreis, dem Landkreis Uckermark, der so denke ich, der Struktur des Landkreises Prignitz sehr ähnlich ist. - Ich danke, dass ich hier sprechen darf zu dem weiten Thema: "Kirchliche Projekte im ländlichen Raum Brandenburgs - Möglichkeiten und Grenzen."

Ich bin ein Dorfpfarrer seit inzwischen 20 Jahren, ich fahre wirklich auch noch mit Pferd und Wagen und insofern kann ich keinen Gesamtüberblick über kirchliche Projekte im Land Brandenburg geben, sondern ich kann ganz allein aus meiner Erfahrung und meinem Erleben berichten.  Dabei habe ich meinen Auftrag als evangelischer Geistlicher im Blick, die frohe Botschaft des Evangeliums den Menschen in unseren Dörfern zu verkünden, auf dem Lande, in einer seit der Wende 1989 / 90 sich ständig verändernden Situation und ich habe hinsichtlich des Vortragsthemas speziell im Blick jene Geschichte, die Jesus von den anvertrauten Talenten erzählt, eine bemerkenswert moderne Geschichte:

 

Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silber, dem anderen zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und er zog fort. Sogleich ging der hin, der fünf Talente empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei Talente bekommen hatte, zwei weitere dazu. Der aber ein Talent empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg dort das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von Ihnen. Da trat der herzu, der fünf Talente empfangen hatte, legte weitere fünf dazu und sprach: “Herr, du hast mir fünf Talente anvertraut. Sieh nur, ich habe damit weitere fünf Talente dazu gewonnen.“ Da sprach sein Herr zu ihm: “Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen. Ich will dich über viel setzen. Geh hinein zur Freude deines Herrn!“ Da trat auch der herzu, der ein Talent empfangen hatte, und sprach. „Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist.  ...  Ich fürchtete mich, ging hin und verbarg dein Talent in der Erde.  Sieh nur, da hast du zurück, was dir gehört“. Der Herr aber sprach zu ihm: „Du böser und fauler Knecht!  Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das, was mir gehört, mit Zinsen wieder bekommen.“..

(Mt 25)

 

Ein Mensch vertraut seinen Knechten sein Vermögen an: Talente. Ein Talent war damals eine große Menge Silber. Wenn wir heute über einen Menschen sagen: “Der hat Talent“ dann geht das zurück auf diese biblische Geschichte. Wenn Sie in der Bibel nachlesen, ist das vielleicht übersetzt mit „Zentnern“ oder „Pfunden“. Aber im griechischen Original steht: Talente.

Diese doppelte Bedeutung öffnet den Blick. Es geht in dieser Geschichte darum, aus seinen Gaben und Begabungen möglichst viel zu machen.

 

Die Evangelische Pfarrstelle Schönfeld in der Uckermark ist die nordöstlichste der Mark Brandenburg. Am Abendhimmel sehen wir den Lichtschein von der heute polnischen Stadt Stettin. Die Pfarrstelle ist in einem kleinen Dorf mit ca.150 Einwohnern gelegen. Zum Zeitpunkt, als ich dort 1987 meinen Dienst als Vikar antrat, zählte das Dorf noch über 200 Einwohner. Zuvor war die Pfarrstelle 11 Jahre unbesetzt, das kirchliche Leben war völlig zum Erliegen gekommen. Sämtliche Gebäude befanden sich in katastrophalen Zustand, die Kirchen waren teilweise einsturzgefährdet, das Pfarrhaus ruinös. Die geschilderten Umstände waren gewiss eine Extremsituation, trotzdem war ähnliches vielerorts in Brandenburg anzutreffen: Folge von fast 60 Jahren brauner und roter Diktatur, die den Menschen jegliche christliche Glaubenshoffnung auszutreiben versuchte. In einem unserer 11 Kirchdörfer wurde 1980 eine alte Dame beerdigt. Bei der Beerdigungseintragung im Kirchenbuch vermerkte der damalige Pfarrer: „.... sollte aus Klockow ausquartiert werden, um ein Dorf frei von Kirchgängern zu bekommen.“ So war die Situation vielerorts. Ähnliche, furchtbare Formulierungen sind in der deutschen Geschichte 40 Jahre zuvor anzutreffen.

 

Die Pfarrstelle wurde entgegen vielen Argumenten besetzt Dank eines kleinen, überalterten Gemeindekirchenrates, der segensreich hartnäckig den Wunsch nach einem Pfarrer bei der Kirchenleitung in Berlin vertrat. Als ich meine Möbel im Sommer 1989 ins Pfarrhaus trug, sagte ein vorbeigehender neugieriger Dorfbewohner: „Was wollen Sie denn hier. Nach einem Pfarrer kräht hier kein Hahn!“- Ich tröstete mich und sprach mir Mut zu, u.a. mit den „Erinnerungen eines Landgeistlichen“, nämlich eines früheren Schönfelder Pfarrers – Carl Büchsel. In der dritten Generation seiner Familie wurde er 1829 Pfarrer in Schönfeld, bevor er nach Berlin berufen wurde als Pfarrer an der Matthäikirche und Generalsuperintendent der Neumark und der Niederlausitz.. Er wurde geistlicher Berater Kaiser Wilhelm I. Er war eine Legende in der deutschen Hauptstadt und in der Mark. Er wurde von Adolph Menzel gemalt, war mit Theodor Fontane befreundet.  - Als Carl Büchsel 1827 seine erste Pfarrstelle, Lehrstelle möchte ich mal sagen, als Hilfsprediger antritt, erlebt er folgende Situation: Das kirchliche Leben war völlig zum Erliegen gekommen. Ein Kirchenvorstand erklärte mir, dass Tischgebet und Kirchegehen völlig aus der Mode gekommen seien. Als ich meine erste Predigt halten wollte und vom Pfarrhaus hinüber zur Kirche ging, hingen die Pfarrmägde gerade die Wäsche auf.  „Von der ganzen großen Gemeinde kamen vier Männer... kein Weib und kein Kind. Die anderen Dorfbewohner waren inzwischen auf dem Felde tätig oder folgten irgendwelchen anderen alltäglichen Arbeiten.   Die meisten schliefen bald ein und nur wenige bestanden den Kampf insoweit, dass sie nicht gerade den Kopf fallen ließen“.    Anfang des 19.Jahrhunderts! Unvorstellbar, häufig eine Zeit, über die wir meinen, die Welt, zumindest die kirchliche Welt, sei in Ordnung. - Büchsel lässt sich nicht entmutigen. Intensiv wendet er sich den Menschen zu.  Mit Ausdauer und Geduld gelingt es ihm, die Kirche im Dorf wieder wichtig werden zu lassen.

 

Die Pfarrstelle Schönfeld umfasste zu meinem Dienstantritt im Jahre 1989 4 Kirchdörfer mit ca. 800 Einwohnern und 250 Gemeindegliedern, sie umfasst heute 11 Kirchdörfer mit ca. 2200 Einwohnern – Tendenz fallend - und  775 Gemeindegliedern - Tendenz ebenfalls fallend.

 

Mein Thema: Möglichkeiten und Grenzen – Möglichkeiten: Ich habe in wunderbar offener Weise die Möglichkeit, die frohe Botschaft des Evangeliums in Gottesdiensten und vielfältigsten Gemeindeveranstaltungen und persönlichen Besuchen zu verkündigen. Im Jahre 2007 haben wir 130 Gottesdienste gefeiert, darunter einige Festgottesdienste,  mit insgesamt knapp 5000 Besuchern. Unterm Strich gesehen liegt der prozentuale Gottesdienstbesuch der Gemeindeglieder in unseren Dörfern weit über den von der Evangelischen Kirche in Deutschland angestrebten 10 % der Gemeindeglieder.

Neben den genannten kirchlichen Veranstaltungen stehen uns ganz erfreulicherweise seit der Wende öffentliche Medien zur Verfügung: Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen, Internet.  Als Pfarrsprengel selbst verteilen wir vierteljährlich ein Gemeindeblatt in einer Auflagenhöhe von ca. 800 Exemplaren – zur Zeit meines Dienstantrittes  - DDR-Zeit -  alles undenkbar. Grund dankbar zu sein!

Sie werden sich fragen: Worin finden die zahlreichen Veranstaltungen statt?

Jede der 11 Kirchengemeinden verfügen über eine wunderschöne denkmalgeschützte Kirche. Das ist eine gewichtige Aufgabe sie zu erhalten, vor allem aber ist es ein unglaublicher Schatz. Jede Kirche für sich erzählt Geschichte und ist stille Botschafterin des Evangeliums. Unsere Kirchen senden für unser Zusammenleben unentbehrliche Signale zu Gerechtigkeit und erst daraus erwachsendem Frieden, zu Liebe, Hoffnung, Demut und Dienet aneinander in die Öffentlichkeit. Eine solche Beurteilung hebt jede Kirche vor Ort in den Rang, für die dort Wohnenden und nach Sinn Fragenden die wichtigste Kirche im Land und damit unaufgebbar zu sein. Das gilt auch für das kleinste Dorf!

Von den 11 denkmalgeschützten Kirchen sind inzwischen 10 restauriert und in gutem bzw. sehr gutem Zustand. Dies war möglich Dank Fördergelder des Bundes, des Landes Brandenburg, des Kreises und der Landeskirche, dies war möglich Dank Gelder aus Stiftungen – der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Stiftung Kirchenbau (Kiba) und der Rudolf August Oetker-Stiftung, dies war möglich Dank Gelder der jeweiligen Kommunen, Gelder aus unserer badischen Partnergemeinde Lützelsachsen, Sammlungen in unseren Dörfern und unzähligen Einzelspendern. Als wir im Juni des vergangenen Jahres mit dem leitenden Bischof der Evangelischen Kirche in Deutschland, Dr. Wolfgang Huber, die Wiedereinweihung der einstmals baupolizeilich gesperrten Kirche Carmzow als zehnte erfolgreiche Kirchensanierung feierten, war dies die Folge eines großen gelungenen  Gemeinschaftswerkes. Grund dankbar zu sein!

In alle Sanierungsmaßnahmen waren, soweit dies von den rechtlichen Bestimmungen möglich war, verschiedene Arbeitsfördermaßnamen integriert. So wurden sämtliche zehn Kirchen von Einwohnern unserer Dörfer unter Anleitung von Restauratoren ausgemalt. Sowohl staatliche als auch kirchliche Denkmalpfleger haben dieser Praxis nach anfänglichen Bedenken inzwischen höchste Anerkennung gezollt. Der Pfarrsprengel Schönfeld ist einer der größten Arbeitgeber in der Region. Seit der Wende haben ca. 200 Menschen aus unseren Dörfern bei uns in befristeten und unbefristeten Arbeitsverhältnissen gestanden. Zur Zeit sind es 17. - Dabei war und ist uns sehr wichtig, dass nicht nur nötige Arbeiten erledigt werden, sondern dass Kirche die Problematik der Arbeitslosigkeit nicht nur bejammert, sondern auch aktive Hilfe gibt, dass die Menschen in Lohn und Brot kommen und sozial eingebunden sind. Wir sehen uns an der Seite der Schwachen und Bedürftigen, versehen mit der Aufgabe, sie an die Hand zu nehmen und ihnen die Gaben zu zeigen, die auch in ihnen stecken. Uns macht es glücklich, dass manch einer einen festen Arbeitsplatz in einer Baufirma gefunden hat und uns macht es glücklich zu erleben, dass jemand, der nie etwas mit Kirche zu tun hatte, den Kirchenschlüssel holt und seinem Besuch, seinen Gästen stolz zeigt, welch wunderbaren Innenraum er restauriert hat.

Anmerken möchte ich, dass bei vielen Fördermaßnahmen finanzielle Eigenanteile erforderlich waren, in manchen Jahren über 50 000,- €.  Diesen beachtlichen Betrag konnten unsere Kirchengemeinden nur Dank der Pachteinnahmen aus den Ackerflächen aufbringen. Die Pachteinnahmen  - egal ob Pfarr- oder Kirchenland – stehen den Kirchengemeinden zur freien Verfügung und sind existenzbegründende Einnahmequelle. Das ist wichtig, ganz wichtig zu hören: In frühen, ganz frühen Zeiten sind die Kirchen gerade auch in strukturschwachen Gegenden mit Land ausgestattet worden, damit sie vor Ort existieren können. Den Landesherren war bewusst, dass die Kirche als Kultur; Bildung und Lebenshoffnung vermittelnde Institution unverzichtbar für ein funktionierendes Gemeinwohl ist.

Zur aktuellen Situation: In der Fläche unserer 11 Kirchengemeinden verfügen wir über 325 ha verpachtetes Ackerland, überwiegend in einer Bodenqualität zwischen 40 und 55 Bodenpunkten. Acht Betriebe unterschiedlicher Rechtsform, unter ihnen Wiedereinrichter, Alteigentümer, Neueinrichter und ein LPG-Nachfolgebetrieb sind unsere Pächter. Das Verhältnis zu sämtlichen Pächtern ist gut. Die kirchliche Arbeit erfährt Anerkennung und zum Teil großzügige finanzielle, als auch praktische Unterstützung. Dafür sind wir sehr dankbar! Das war zur DDR-Zeit in unserer Gegend undenkbar.

 

Möglichkeiten und Grenzen: Möglich ist in einem weiten Rahmen generationsspezifische Arbeit, z.B. mit Kindern und Jugendlichen. In unserem Pfarrsprengel sind 2 Mitarbeiterinnen tätig in einem Anstellungsverhältnis von 1,4 Personalstellen,1 Mitarbeiterin wird seit fast 15 Jahren aus einem Brandenburgischen Landesprogramm finanziert, allerdings ebenfalls unter hoher Eigenbeteiligung. Hierbei unterstützt uns jährlich der Männergesprächskreis unserer Badischen Partnergemeinde mit 3.090, - €. Unsere Kinder- und Jugendarbeit ist gruppenbezogen. Die Gruppen treffen sich in 7 unserer 11 Dörfer, es werden christliche Glaubensinhalte vermittelt und Lebensorientierung gegeben. Das geschieht auf spielerische Weise, ich möchte sagen, es ist eine pfadfinderorientierte Arbeit. 70-80 Kinder und Jugendliche kommen regelmäßig in unsere Gruppen. Wir führen Freizeiten durch zu Ostern, in den Sommerferien für kleinere Kinder und auch für Jugendliche, wir führen Camps durch im Herbst und im Winter. Diese Freizeiten sind für manche Kinder in unseren Dörfern die einzigsten Ferienangebote. Zunehmend beobachten wir, dass Kinder die sowieso schon geringen Teilnehmerbeiträge nicht aufbringen können und die Kirchengemeinden in nicht unerheblichem Maße Beiträge ergänzen. Es gibt Ein-Tagesausflüge mit Jugendlichen z.B. im März in die Gedenkstätte Berlin Hohenschönhausen, dem ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis oder ins Jüdische Museum oder zum Ort der Wannsee-Konferenz. Auch sind unsere Kirchengemeinden Träger bzw. Organisatoren verschiedener Kinderfeste.

Als Mittelpunkt für unsere gesamte Kinder- und Jugendarbeit unterhalten wir ein eigenes Evangel. Kinder- und Jugendhaus in Klockow, eine ehemalige Dorfschule, welches der Kirchengemeinde im Jahre 1945 enteignet wurde und diese 1993/ 94 zurück erhielt. Dort haben wir ideale Bedingungen, verschiedene Räume, Billard, Fußball, Küche, Sanitär, -  Bedingungen, von denen wir früher nicht zu träumen gewagt haben.

Seit 3 Jahren betreiben wir ein Gästehaus bzw. eine Herberge für Kinder- und Jugendgruppen in Carmzow. Es ist ein ehemaliges Pfarrhaus, wunderschön am Ortsrand gelegen, in einem großen parkähnlichen Garten. Das Haus konnte so einer guten Nutzung zugeführt werden, es kommt frischer Wind in unser Dorf und die Gemeinde durch auswärtige Kinder- und Jugendgruppen und wir konnten durch die erzielten Einnahmen den Arbeitsplatz unserer Buchhalterin sichern.

 

Zur generationsspezifischen Arbeit gehört die Seniorenarbeit, die einen gewichtigen Raum einnimmt. Wir haben für unsere Dörfer einen Besuchsdienst eingerichtet, wir führen regelmäßige Gemeindenachmittage in acht unserer Dörfer durch, wir machen zweimal jährlich Tagesausflüge, wir führen Sommerfest und Weihnachtsfeiern mit teilweise 130 /140 Besuchern durch. Mittels einer Zivildienststelle bieten wir MSHD-Dienste an. So leisten wir Fahrdienste mit einem Kleinbus für Arztbesuche, Einkäufe, Behördengänge u.ä.

 

Wichtig ist unseren Gemeindekirchenräten der Blick über den Tellerrand hinaus. Daher sind wir dankbar für zwei Partnerschaften, eine mit Lützelsachsen bei Heidelberg, eine zweite mit Livani/ Preili in Lettland.

Die Partnerschaft nach Lützelsachsen besteht im Jahre 2009 zwanzig Jahre, und für mich ist es ein Wunder, dass diese Partnerschaft trotz sozialer Unterschiede bis heute mit Leben erfüllt ist. Das gibt es so wahrscheinlich nur bei Kirche oder im Fußball. Seit 1989 haben an die 80 Begegnungen stattgefunden, es gibt gemeinsame jährliche Frauenfreizeiten, alle 2 Jahre Männerbegegnungen und Chorfreizeiten sowie ferner Besuche zu besonderen Anlässen. Ich denke, wenn manche Begegnung zwischen Ost und West so abgelaufen wäre, manches Gespräch so stattgefunden hätte, wie zwischen diesen Partnergemeinden, wäre die Wiedervereinigung unseres Landes unkomplizierter, verständnisvoller, herzlicher, dankbarer vonstatten gegangen.                Aus dieser positiven Erfahrung heraus beschlossen unsere Gemeindekirchenräte 1995, eine Partnerschaft in Richtung Osten aufzubauen nach Livani-Preili im südöstlichen Lettland. Hier finden zweijährliche Begegnungen statt, sowie ebf. zu besonderen Anlässen. Vor 2 Jahren hat ein lettischer Schulchor unsere Gemeinden besucht, in diesem Jahr sind wir zwischen Himmelfahrt und Pfingsten mit 17 Gemeindegliedern dort gewesen.

 

Neuestes Projekt unseres Pfarrsprengels ist ein Musikpreis zur Förderung der musikalischen Kinder- und Jugenderziehung – der Internationale Malchower Kirchenpreis.  Das hat folgende Bewandtnis: 10 unserer 11 Kirchen sind wie bereits gesagt, in den vergangenen Jahren restauriert worden. Die 11., eine mittelalterliche Dorfkirche, befindet sich direkt an der Ostseebundesstraße B109 in dem kleinen Dorf Malchow. Seit 1958 haben in ihr keine Gottesdienste und Veranstaltungen mehr stattgefunden. Sie befindet sich in einem ruinösen Zustand. Am 31. Mai wurde in dieser Kirchenruine innerhalb einer Andacht und eines Festaktes der Internationale Malchower Kirchenpreis vorgestellt. 3000,- € , aufgeteilt in 5 Einzelpreise sind ausgelobt. Um den Preis können sich Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 20 Jahren aus dem Umkreis von 100 km, also auch aus dem polnischen Stettin, sowie aus unserer badischen und lettischen Partnergemeinde bewerben. Eine Arbeitsgruppe unseres Gemeindekirchenrates hat diesen Musikwettbewerb vorbereitet, hat 7 Musikschulen in Deutschland, Polen und Lettland besucht und ist dabei auf größtes Interesse gestoßen. In der nordöstlichsten Ecke Deutschlands fehlt ein solcher Wettbewerb, der den Kindern ermöglicht Anerkennung zu erfahren und ggf. einen Preis zu gewinnen, von dem man sich ein eigenes Instrument kaufen kann. Natürlich verbinden wir mit diesem Wettbewerb die Hoffnung , dass Leben in die Malchower Kirche einzieht und wir die Kirche langfristig retten können.

 

Mit diesem Musikwettbewerb sind wir bei einem weiteren Bereich der Möglichkeiten: Kirche ist Kulturträger. Aus unseren Gemeinden und Dörfern sind Chor, Bläser, Flöten- und Gitarrenkreise nicht wegzudenken. Es sind die einzigsten musikalischen Gruppen, die es in unseren Dörfern gibt: 25 Sänger, 15 Bläser, 20 Flöten und Gitarristen zählen sich zu unseren gemeindlichen Musikanten. Natürlich sind wir auch Veranstalter von Konzerten, Vorträgen, kleinen Theatervorstellungen und Lesungen.

 

Nicht zuletzt ist Kirche Vermittler. Unser Pfarrsprengel und der Kirchenkreis sind Veranstalter eines Landforums gewesen, was über viele Jahre Landwirte, Kommunalpolitiker und interessierte Bürger zusammengeführt hat. Themen wie: „Neue Familienbetriebe – Fazit nach einem Jahr“, „Euro – Binnen – Uckermark(t)“, „Eigenständige Regionalentwicklung in der Euro-Region Uckermark“, „Perspektiven der Menschen“, „Bleibt die Verantwortung im Dorf? – Kommunalreform auf dem Prüfstand“ auch „Jugendarbeit auf dem Lande“ standen auf dem Programm. Nach einigen Jahren der Pause würden wir dieses Landforum gern wiederbeleben. Neue Möglichkeiten eines solchen Forums bestehen, aktuelle Themen gibt es mehr als genug.

 

Möglichkeiten und Grenzen: Natürlich, das ist der Menschen Eigenschaft, spricht man leichter über die Grenzen, die einem von außerhalb gesetzt werden:

Ich erlebe Gleichgültigkeit und Ablehnung. Kirche hat es nicht leicht in einem Land, in dem zwei, drei Generationen vom christlichen Glauben entfremdet worden sind.

Eine weitere Grenze des Wirkens, kirchlichen Wirkens, ist das liebe Geld. Die Folge von knapper werdenden Finanzen sind unsere riesigen Pfarrsprengel  -  gemeint sind damit Pfarrbereiche von mehreren Kirchengemeinden -  die heute wesentlich größer als früher. Unser Pfarrsprengel umfasst vier ehemalige Pfarrsprengel. Zu meinem Dienstantritt hatte ich vier Gemeinden zu versorgen, heute sind es elf. Wohin führt die Entwicklung?

Es gibt theoretische, inzwischen auch schon praktische Überlegungen, Pfarrsprengel aufzulösen und große Regionen zu bilden. Hier aber stoßen wir an menschliche Grenzen. Denn dann bleibt der menschliche Kontakt auf der Strecke, die Nähe, die Seelsorge, die persönliche Verbindung. Gerade das ist ja ein Aspekt, der den Menschen auf dem Lande an der kirchlichen Arbeit so wichtig ist!

 

Unser Schönfelder Pfarrsprengel versucht den knapper werdenden Finanzen vorzubeugen. Schon 1994 gründeten wir einen Förderkreis zur Unterstützung der Kinder- und Jugendarbeit in unseren Dörfern. Dieser Förderkreis hat über 60 Mitglieder und stellt jährlich 2500,- €  für Sachkosten, Kinder- und Jugendfreizeiten u.a. zur Verfügung.

Im Jahre 2006 gründeten unsere 11 Kirchengemeinden eine Stiftung, die Carl Büchsel- Stiftung Uckermärkischer Kirchengemeinden Schönfeld zur Förderung der pastoralen und katechetischen Arbeit. Es ist die erste Stiftung dieser Art in unserer Landeskirche. Von ihr soll künftig eine halbe Personalkostenstelle finanziert werden. Dazu benötigt die Stiftung ein Kapital von 500 000,-€ . Das Startkapital von vor 2 Jahren - 150 000,-€ - hat sich inzwischen durch Spenden und Zustiftungen fast verdoppelt! Und das in einer der sozial schwächsten Regionen in Deutschland! Grund dankbar zu sein! 

Mit dieser Stiftung möchten wir Vorsorge leisten, dass in einer Zeit, in der Kirchensteuern bzw. Zuweisungen nicht mehr ausreichen sollten, in unserer Region trotzdem eine Pfarrstelle lebt und sich Kirche nicht weiter von den Menschen entfernt. In dieser Hinsicht, das sei angemerkt, würde ich mir von unserer Landeskirche mehr vorrausschauendes Engagement wünschen. In anderen Landeskirchen werden Stiftungsgründungen gefördert, initiiert, z.B. der in der Hannoverschen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Stiftungsvorstand, einige Gemeindekirchenräte, Wilhelm Hüffmeier Präsident der UEK und Konsistorialpräsident Ulrich Seelemann  Schönfeld 2006

 

Damit sind wir wirklich auch bei dem „Eingemachten“, bei den inneren Grenzen. Ich erlebe persönlich als Grenzen, schmerzhafte Grenzen, eine „Verjobbung“ des Pfarrberufes, eine innere Ablehnung des Daseins auf dem Lande, ich erlebe eine Verintelektualisierung und eine Verbürokratisierung. Ich erlebe eine Unbeweglichkeit von Pfarrern, Mitarbeitern und Gemeinden, in dem man sich an uralten Strukturen festklammert und damit lebendige Gemeindearbeit fast unmöglich wird. Wenn ein Pfarrer heute 8, 9, 10, 11 Kirchengemeinden betreut und mit diesen 8, 9, 10, 11 Haushaltspläne beschließt, Kirchenkassen verwaltet und Jahresrechnungen abnimmt, ist dies ein unhaltbarer Zustand und zeugt von einer Schwerfälligkeit der Verantwortungsträger. -  Ein ebenso unhaltbarer Zustand aber ist es, wenn Landeskirche und Kirchenkreis meinen, Strukturen von oben herab zu verändern ohne die Gemeinden und ihre Mitglieder mit auf den Weg zu nehmen. Im Kirchenkreis Wittstock-Ruppin, der sich teilweise flächenmäßig deckt mit dem Landkreis Prignitz, sollten riesige Regionen geschaffen werden. Über 50 Kirchengemeinden sollten zu Gunsten von 5 Großgemeinden aufgelöst bzw. zusammengeschlossen werden. Es sollte nicht mehr den Pfarrer vor Ort geben, sondern Grund- und Spezialversorger. Und dies sollte gegen den Willen von Kirchengemeinden durchgesetzt werden. 21 Kirchengemeinden haben vor dem Kirchlichen Verwaltungsgericht gegen diese Zwangsfusionen geklagt und erhielten Recht. Nach meiner Ansicht -  ein sehr erfreuliches Urteil!  Ich hoffe, dass man aus der Geschichte lernt: Je mehr, gerade in Krisenzeiten, die untere Ebene, die Gemeindeebene gestärkt wird, um so stabiler erhält sich kirchliches Leben, um so mehr werden Kirchengemeinden angeregt mit ihren Talenten – Gaben und Begabungen -, ich erinnere an jenes Gleichnis vom Anfang meines Vortrages, zu wuchern. 

Aus jeglicher Depression reißt uns Jesus heraus. Am Ende wird einer kommen und uns fragen: Was hast du aus deinem Talent gemacht, aus deinen persönlichen Gaben, aus deinem Geist, was habt ihr aus den materiellen Möglichkeiten gemacht, die ich euch zur Verfügung gestellt habe? Am Ende unseres Lebens, am Ende dieser Gesellschaft, am Ende dieses Planeten wird Gott uns zur Rechenschaft ziehen: Was habt ihr daraus gemacht? Und wenn wir sagen: Wir haben nichts gemacht, wir haben alles so gelassen wie es war oder wir haben es mit uns geschehen lassen, wir haben unseren Geist eingegraben und brav genickt – dann wird Gott sagen: Ihr faulen und bösen Menschen. Ihr habt die wunderbaren Gaben, die ich euch zur Verfügung gestellt habe, nicht genutzt!   Deswegen sollen wir als Kirche darauf achten, dass wir die Gaben, die Talente, all die Möglichkeiten, die wir heute haben, nutzen, um bei den Menschen zu bleiben, so nah wie möglich, dass wir sie begleiten auf ihrem Lebensweg, dass wir ihnen Gaben zeigen, die auch im Schwächsten stecken. Das ist die kluge Barmherzigkeit Jesu, die er auch bei uns sehen möchte: den Schwachen Stärke zutrauen, den Mutlosen Mut, den vermeintlich Untalentierten Talent.

Freilich – das gilt für uns alle – an Gottes Segen ist alles gelegen! Ich danke Ihnen!